Donnerstag, 19. Februar 2009

Nach dem Umzug...

Halli-Hallo!

Hier sitze ich also jetzt in meinem neuen Zimmer; mein Wohnort heißt nicht mehr Kyoto sondern Osaka und ich habe ein (ganz legal erworbenes!) weinrotes Fahrrad, mit dem ich seit dieser Woche täglich zur Uni fahre. Es dauert lediglich 15 Minuten und diese bloße Tatsache ist nur schwer fassbar für mich… und ein Grund zum Jubeln nach fünf Monaten des stundenlangen Pendelns! Das Apartment meiner neuen Gastmutter ist nicht nur näher am Campus, sondern mein Zimmer ist auch gemütlicher und die Gegend gefällt mir gut! Natürlich muss diese noch ausgiebig erkundet werden :)

Es hätte eigentlich kaum besser kommen können. Meine neue Gastmutter ist sehr nett und ich fühle mich willkommen hier; trotzdem lässt sie mir meine Privatsphäre und betritt mein Zimmer nicht einmal, wenn ich weg bin – so zumindest mein Eindruck. Mit dem vegetarischen Essen scheint es auch kein Problem zu geben. Anfangs hatte ich ein bisschen Bedenken, denn ich wohne hier ganz allein mit ihr und dachte, ich bin vielleicht nicht so unterhaltsam wie sie es erwartet. Doch jetzt denke ich, dass dies nicht der Fall ist. Meine vorherige Gastmutter hat gerne lange Geschichten erzählt, ausschweifende Erklärungen (über Dinge, nach denen ich gar nicht gefragt hatte) gemacht etc, und dabei in einem Wahnsinnstempo geredet, so dass ich zum Einen nur einen Bruchteil verstanden habe und zum Anderen nicht wirklich Zeit und Mut hatte nachzufragen. Sie war schon humorvoll und hat mich einiges gelehrt, obwohl ich wahrlich nicht alles für bare Münze nehmen darf, was sie mir über Japaner sagte, aber die „Dialoge“ mit ihr waren immer eher „Monologe“ und ich hatte den Eindruck, ich rede ihr zu wenig. Mit meiner neuen Gastmutter kann ich jedoch besser Konversation machen, nachfragen wenn ich ein Wort nicht kenne und habe den Eindruck, dass sie sich ein bisschen mehr für das interessiert, was ich zu sagen habe. Mag ein Nebeneffekt der Zweisamkeit sein.

Außerdem bin ich froh, dass ich nicht zuerst hier und danach in Kyoto gewohnt habe, denn es wäre frustrierend weiter weg zu ziehen (einige andere Austauschstudenten erleben das gerade) und außerdem wären mir am Anfang die Englisch-Versuche meiner jetzigen Gastmutter bestimmt gehörig auf die Nerven gegangen, denn ich hätte geglaubt, dass sie das für mich macht – jetzt weiß ich, dass es bei Japanern oft blanker Eigennutz ist. Sie probiert es nämlich immer wieder gerne und das streckt das Gespräch ganz schön in die Länge, weil sie bei jedem Wort überlegt und am Ende Wortwahl, Grammatik und Aussprache meist noch einige Fehler haben, so dass es für mich etwas schwierig ist den Zusammenhang zu begreifen. Natürlich hilft es mir auch, wenn ich ein japanisches Wort nicht verstehe. Dann zückt sie immer ihr kleines elektronisches Wörterbuch und kann mir dann das englische Wort zeigen.

Ich lerne zur Zeit Einiges über die japanische Gesellschaft hinzu. Beispielsweise wiederholen wir gerade wieder das Thema Höflichkeitssprache im Unterricht. Das hatte ich schon in Trier studiert, aber die Wiederholung vergegenwärtigt noch einmal Einiges. Was mich besonders verwundert, ist das Sempai-Kôhai-System in Japan. Ein Sempai ist ein Student in einem höheren Semester als man selbst und ein Kôhai ein Student in einem niedrigeren Semester. Vor einem Sempai ist man generell ehrfürchtig, sagt ihm nicht die eigene Meinung und benutzt die Höflichkeitssprache (wenn auch auf einer niedrigen Stufe).
Wenn z.B. in meinem A-Cappella-Kreis ein ehemaliges Mitglied, also ein graduierter Student, in die Probe zu Besuch kommt, wird er jedes Mal mit großen Augen begrüßt und er darf dann auch Kommentare zur Probe abgeben, denen mit großer Aufmerksamkeit gelauscht wird und denen auch niemand zu widersprechen hat. In meinen Augen ist das alles ein bisschen übertrieben. Mein Gott, der ist kaum älter als die anderen. Aber so ist das eben mit den Sempais. Ein Freund von mir, der in Trier sein Auslandsjahr absolviert hat, sagte neulich über einen anderen Studenten, der ebenfalls in Trier gewesen war, dass dieser, da er schon mit dem Studium fertig ist, sich lieber eine richtige Arbeit suchen sollte anstatt nur „rumzujobben“. Aber, er könne ihm das ja nicht direkt sagen, weil der andere sein Sempai ist.
Ein anderes Beispiel ist mein Freund Kazuki: Als wir letztens wieder bei einem Freund von ihm zum Essen waren, bemerkte ich, dass Kazuki dort auch die Höflichkeitssprache benutzt, da der Freund schon Graduierter ist. (Laut meiner Ex-Gastmutter können sie dann aber nicht die dicksten Freunde sein…) Interessant, wie man allein durch die Sprache die zwischenmenschliche Beziehung beurteilen kann.
Auch fällt mir in letzter Zeit extrem auf, wie groß der Unterschied zwischen „offiziellem“ und „privatem“ Verhalten bei Japanern ist. Besonders (aber natürlich nicht ausschließlich) bemerkbar ist das beim Telefonieren. Es wird ein übermäßig freundliches und gut gelauntes Gesicht aufgesetzt und mit energischer Stimme zügig aber unterwürfig (mit vielem „Jawohl!“ und „Ich habe verstanden!“) geklärt, was es jeweils zu klären gibt. Kazuki kann das, selbst wenn er schlecht drauf ist, sehr gut, was ich einerseits sehr bewundere, mich aber andererseits auch etwas erschrecken lässt. Natürlich kostet es ihn auch eine Menge Energie, wenn seine Laune gerade überhaupt nicht so gut ist. Ich bin froh, dass er diese Maske vor mir nicht benutzen muss! Er wohl auch.

Meine Gastmutter stellt mir komische Fragen. Am komischsten fand ich bisher die Frage, ob meine Eltern denn wüssten, dass ich in Japan bin…! Ich konnte nicht umhin ein bisschen zu lachen und zu sagen „Natürlich wissen sie das!“. Eine andere seltsame Frage war, ob Kazukis Mutter es gewusst hätte, als wir zusammen nach Kyûshû gereist sind. Vielleicht hat sie ja zu ihren Töchtern eine andere Beziehung, aber Kazuki und ich teilen solche Dinge doch schon noch unseren Eltern mit… Kurios. Besonders, da wir vorher darüber gesprochen hatten, dass er mit seiner Mutter zusammen wohnt und ich dort schon oft war.

Ansonsten kann ich sagen, dass ich hier inzwischen ziemlich gute Freunde gefunden habe, ohne die ich wahrscheinlich manchmal nicht so gut zurechtkäme. Wir haben alle auch mal unsere negativen Erlebnisse und es hilft enorm darüber mit jemandem zu reden. Derzeit plane ich mit zwei amerikanischen guten Freunden eine Reise nach Okinawa; wir sind schon ganz aufgeregt und freuen uns auf warme Temperaturen, Strand und Sonnenschein. Die Reise soll vom 18. bis 28. März stattfinden – Flüge sind schon gebucht.

Ich habe heute das Thema für meine finale Rede hier gewählt (die Rede müssen wir alle halten). Eigentlich ist es nur eine grobe Richtung: Ich habe mich für japanischen Umweltschutz entschieden. Die Rede soll 20 Minuten sein und natürlich auf Japanisch gehalten werden. Zum Glück ist für die Vorbereitung noch etwas Zeit, denn die Reden finden erst im Juni statt.

Das war’s erstmal - tut mir leid, dass es wieder keine Bilder gibt. Ich bin sehr fotografierfaul… Aber es kommen wieder welche, versprochen!

Herzlichste Grüße in die Heimat!
Johanna