Samstag, 11. Oktober 2008

(Uni-)Leben

Hallo allerseits!

Lange lange ist er her, mein letzter Eintrag... Und ich muss gestehen, dass ich seitdem nicht wirklich viele Photos gemacht habe. Denn ich bin ja seit fast einem Monat nicht mehr auf Reisen, sondern habe jetzt eine feste Adresse: Kyoto.


Mein Alltag

Montag bis Freitag fahre ich jeden Morgen zur Uni: 7:35 verlasse ich (idealerweise) das Haus und laufe zum nächsten Bahnhof, 7:48 fährt der Zug ab. Ich fahre fünf Stationen bis Kyoto Hbf, steige dort in die Schnellbahn Richtung Osaka um, fahre eine Station und steige dann noch einmal um in einen langsameren Zug, der zwar die selbe Strecke fährt wie der schnelle, aber dafür an allen Bahnhöfen hält; so auch am Bahnhof nahe meiner Uni. Dies ist die schnellste Art und Weise mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Uni zu kommen, und ich habe ein paar Tage gebraucht um das auszutüfteln... Ich bin dann um 8:33 am Bahnhof "Kishibe" und kann bequem in etwa 8 Minuten zum Internationalen Zentrum laufen. Zu spät Kommen ist hier tabu, deshalb ist die Zeit so großzügig kalkuliert... An der Uni habe ich von 9:00 bis 11:10 Japanischunterricht (auf Japanisch) und nachmittags entweder den Kurs über japanische Bühnenkünste (2x/Woche, je 1,5h), den Kurs über japanische Filme (1x/Woche, 3h) (beides auf Englisch) oder ein kleines Extraportiönchen Japanischunterricht. Dienstag und Freitag Nachmittag habe ich frei. Mittwoch ist der längste Unitag, denn da habe ich bis 16 Uhr Unterricht.


Extracurriculares

Über diesen Stundenplan hinaus habe ich mich entschieden der A-Capella-Gruppe der Uni beizutreten, die etwa 20-30 Stimmen stark ist (und davon ist ein nicht zu kleiner Teil männlich!). Man trifft sich Dienstags und Donnerstags um 18 Uhr an der Uni, es wird ein kleines Update über was so los ist gegeben, alle zusammen singen sich ein und dann werden in kleinen Grüppchen Lieder einstudiert. Diese Woche waren meine zwei ersten Proben mit der Gruppe und wie erwartet bin ich natürlich die einzige Nicht-Japanerin dort. Am Anfang der ersten Probe am Dienstag war die Schüchternheit groß, aber im Verlauf dieser ersten und der zweiten Probe am Donnerstag kam ich dann doch mit ein paar Leuten ins Gespräch. Sie sind alle sehr nett und neugierig; als ich mich am Dienstag vorstellte, herrschte eine gespannte Stille. Natürlich läuft alles auf Japanisch - auch die Plauderei nach der Probe. Es macht aber tierisch Spaß mit den Leuten und ist glaube ich auch eine ideale Gelegenheit meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Die Lieder, die wir singen, sind japanische und englische - momentan wird "The Longest Time" einstudiert, welches ich glücklicher Weise schon kannte...


Kulturschock

Wieder bin ich der Exot. Aber ich glaube, daran habe ich mich mittlerweile schon ganz gut gewöhnt. Ich war ja während meiner Reise hier in Japan teilweise schon regelrecht deprimiert und wäre am liebsten mit einer Papiertüte überm Kopf herumgelaufen, damit mich niemand mehr anschauen oder ansprechen kann. Es scheint zwar vielleicht von außen ganz nett zu sein als Attraktion gehandelt zu werden, aber für mich selbst war es extrem ungewohnt und unangenehm auf die Dauer. Nun, wie gesagt, das hat sich jetzt gelegt und ich kann wieder lächeln, wenn jemand mich mit großen Augen mustert. Ich glaube, das ist die beste Art zu reagieren, denn ich möchte ja auch repräsentativ ein bisschen die Scheu vor anderen Kulturen nehmen.
Eine Sache nervt mich jedoch immernoch, und das sind die Fahrradfahrer, die in nicht zu knappem Tempo die engen Bürgersteige mit den Fußgängern teilen und dich (meistens erst dann, wenn sie 3 Meter hinter dir sind) immer aus dem Weg klingeln. Ich glaube jedoch nicht, dass ich mich damit jemals vollends anfreunden werde.


Gastfamilie

Meine Gast"familie" besteht haupsächlich aus meiner Gastmutter namens Yûko und einem Franzosen namens Jil, der hier bis Weihnachten wohnen und einen Sprachkurs absolvieren wird. Meinen "Gastvater" und meinen 10 Jahre alten "Gastbruder" sehe ich höchstens mal ganz kurz Sonntags, denn eigentlich wohnen die beiden ca eine Stunde von hier entfernt. Wie wenig ich von den beiden weiß, zeigt sich in der für mich sehr peinlichen Tatsache, dass ich mich noch nicht mal an die Namen von den beiden erinnern kann.
Yûko ist eine hübsche Frau, Ende 30 und kann ganz witzig sein - ich habe schon ein paar Mal mit ihr ganz gut über etwas lachen können. Leider spricht sie ein bisschen zu viel Englisch mit mir... Das heißt, sie redet in japanischen Sätzen und ersetzt die Nomen und teilweise auch die Verben durch die entsprechenden englischen Vokabeln, was die Sache manchmal etwas verwirrend macht. Morgens bin ich die erste hier, die aufsteht, frühstückt und das Haus verlässt.
Jil ist auch nett, spricht gut Englisch und nicht schlecht Japanisch. Ich schätze ihn auf Mitte 40 ein, vielleicht auch mehr. Sein Sprachkurs hat noch nicht begonnen, weshalb er momentan noch eine Menge Zeit hat Kyoto & Co zu erkunden. Irgendwie beneide ich ihn darum, denn ich habe in letzter Zeit das Gefühl, dass ich gar keine Zeit mehr für mich habe.


Soziales

Die anderen Austauschstudenten kommen aus USA, Mexiko, Finnland, Holland, Philippinen, Korea, China und Thailand; insgesamt sind wir 31. Letztes Wochenende gab es eine "Welcome Party" extra für uns an der Uni, wo auch die Gastfamilien eingeladen waren. Wir mussten uns vor versammelter Halle einzeln vorstellen, dann wurde gegessen und getrunken und ein Frage-Antwort-Spiel gespielt, welches ziemlich chaotisch und stressig war... Jedenfalls war ich mit den anderen Studis schon beim Karaoke und gestern Abend auch was Trinken (ich wurde permanent gezwungen heißen Sake zu trinken - *würg*) - es ist ne lustige Truppe! Was mir auffällt, ist, dass irgendwie noch eine Schranke da zu sein scheint zwischen den Amerikanern/Europäern und den Asiaten. Nur das eine Mädel aus Thailand ist ziemlich extrovertiert und geht auch mit uns aus, aber die Chinesinnen und Koreanerinnen sind da sehr zurückhaltend. Bei der Gelegenheit fällt mir außerdem auf, dass alle männlichen Austauschstudenten aus dem Westen kommen - bis auf einen Jungen von den Philippinen, der aber auch eher mit uns Westlern abhängt. Aber vielleicht kommen wir uns alle im Laufe der zwei Semester noch näher - ich würde es mir wünschen. Sicherlich spielt auch die Sprachbarriere eine Rolle, denn die Westler können noch nicht so perfekt Japanisch und die Ostasiaten nicht so gut Englisch.


Ich bin im Moment etwas erkältet, was am Wetter liegen könnte. Mal regnet es den ganzen Tag, mal herrscht purer Sonnenschein; mal braucht man ne Jacke, mal ist's auch im T-Shirt noch heiß... Aber es geht alles noch. Die Symptome beschränken sich bisher auf einen rauhen Hals, eine halbverstopfte Nase und gelegentliche leichte Kopfschmerzen. Und Müdigkeit... *gähn*

Das war's erstmal für heute - bis bald und herzlichste Grüße in die Heimat,
eure Johanna


P.S.: Habe doch noch ein paar Fotos gefunden... ;)





2 Kommentare:

Larissa hat gesagt…

Schön von Dir zu hören!

Sag mal: stimmt es eigentlich, dass in Japan niemand Sushi isst?

lisa hat gesagt…

Na das ist ein Zufall da brauchst du dich zumindestens bei einem Probentag nicht umzugewöhnen ;) Lisa