Samstag, 24. Januar 2009

Umzug naht...

Hallo alle zusammen!

In letzter Zeit habe ich mich mental ein bisschen auf meinen Umzug vorbereitet, der nun für Montag, den 16. Februar festgelegt ist. An jenem Tag werde ich nach dem Unterricht mit meinem Freund Kazuki zu meinem alten Zuhause nach Kyôto fahren, die vorher zusammengepackten Sachen per Zug zurück zur Uni mitnehmen und sie von dort aus hoffentlich mit dem Auto von Kazukis Mutter zu meinem neuen Zuhause transportieren können, welches lediglich eine Busanbindung hat. Scheint ein kleines Abenteuer zu werden.

Meiner künftigen Gastmutter, Tamagawa-san, habe ich diese Woche die erste E-Mail geschrieben. Ich erzählte über mich, meinen Werdegang seit dem Schulabschluss, meine Freizeitaktivitäten und meine Essgewohnheiten (die Frage, was ich als Vegetarier zu essen bereit bin und was nicht, hatte bei meiner aktuellen Gastmutter anfangs viele Fragen aufgeworfen...). Ich hatte allerdings etwas Sorge, dass Tamagawa-san meinen vermutlich von Fehlern wimmelnden japanischen Text nicht ganz verstehen könnte, und so habe ich ihn von Kazuki korrigieren lassen. In der Antwort las ich dann dementsprechend, dass mein Japanisch unerwartet gut sei nach nur 2,5 Jahren Studium. Natürlich hatte ich ein schlechtes Gewissen (sie soll nicht denken, dass ich perfekt Japanisch spreche, denn davon bin ich noch weit entfernt...) und habe gerade eben meine zweite Mail abgeschickt, ohne sie vorher korrigieren zu lassen. Ich bin gespannt, ob sie verstanden wird.

In der Mail von Tamagawa-san las ich Erstaunliches: Sie ist Witwe und ihre zwei Töchter haben bereits selbst jeweils zwei Kinder. (Im Kontrast dazu ist meine aktuelle Gastmutter in den 30ern und hat einen 10-jährigen Sohn.) Die eine Tochter lebt in Australien, die andere teilt meine Leidenschaft für Pferde. Man merkt, dass man sich wirklich bemüht hat passende Gastfamilien für uns Austauschstudenten zu finden...! Frau Tamagawa selbst engagiert sich für die Wohlfahrt, spielt ein Instrument namens Okarina (laut Wörterbuch eine Art Tonflöte...?) und schreibt Haiku-Gedichte. Wie gesagt, erstaunlich. Ich hoffe, mein erster Eindruck von der Welcome-Party im September, auf der sie mich etwa 2 Minuten lang mit Fragen löcherte und dann wieder verschwand, bestätigt sich nicht, aber nach der netten E-Mail ist meine Motivation für den Umzug größer.

Japan ist ja für mich die erste Gastfamilien-Erfahrung, mal abgesehen von ein paar einwöchigen Aufenthalten bei australischen und neuseeländischen Familien. Und den 6 Wochen in South Australia auf der Pferdefarm. Nagut, wenn ich so darüber nachdenke, hatte ich schon etwas Erfahrung. Aber nicht in einer so verschiedenartigen Kultur und nicht für so lange Zeit. Was Gastfamilien in Japan angeht, kann ich mittlerweile aus meiner eigenen Erfahrung und denen von Mitstudenten sprechen: Irgendetwas stört fast immer. Manche Gaststudenten werden überfürsorglich behandelt, manche regelrecht vernachlässigt; einmal ist das Essen miserabel (eine Kommilitonin kriegt IMMER Fleisch und Fertiggerichte vorgesetzt), ein anderes Mal das Verhalten der Gasteltern komisch. Eine deutsche Freundin von mir hat schon mehrmals von ihrem Gastvater zu hören bekommen, dass ihr Japanisch schlecht ist und der Gastvater einer amerikanischen Freundin meinte neulich, dass sie mit Make-Up besser aussehen würde. Ein finnischer Freund, der mittlerweile wieder in seiner Heimat ist, wurde von seinen Gasteltern regelrecht vergrault, denn die haben den Kontakt mit ihm so gut es ging vermieden und er musste z.B. immer allein in seinem Zimmer zu Abend essen.

Die letzte Geschichte ist sicherlich eine Ausnahme. Dennoch fällt auf, dass japanische Männer scheinbar kein Blatt vor den Mund nehmen - oder vielleicht machen sie das nur bei Ausländern...? Meinen eigenen Gastvater sehe ich fast nie, da er woanders wohnt und wenn er mal in Kyoto ist, dann ist er sehr schweigsam und redet nicht mit mir. Nun, das ist noch nicht wirklich ein Problem für mich. Neulich gab es jedoch Aufruhr bei meiner Gastmutter: Sie hatte bemerkt, dass ich die in meinem Zimmer aufgestellte portable Ölheizung oft stundenlang benutze, wenn ich im Haus bin. Es gab eine lange Standpauke wegen der hohen Kosten, eine Lektion in Sachen Klamottenschichten und ich musste mich sogar in ihr eigenes Schlafzimmer setzen um die Temperatur dort zu fühlen. Im Laufe des Abends kam meine Gastmutter noch ein paar Mal an, weil es sie nicht losgelassen hat und erklärte mir die ganze Sache noch ein paar Mal - nicht dass ich es beim ersten Mal nicht verstanden hätte, dass ich die Heizung fast gar nicht benutzen soll. Natürlich entschuldigte ich mich mehrmals und versprach, dass das nicht wieder vorkommt. Am nächsten Tag fand ich dann einen langen Brief an der Magnetpinnwand, auf dem nochmal alles haarklein und mehrmals draufstand. Ich muss sie ziemlich verärgert haben.

Inzwischen ist wieder alles gut. Meine Gastmutter kann etwas panisch werden, ist aber im Grunde ziemlich cool. Ich kann mich nicht wirklich über irgendetwas beschweren, außer vielleicht höchstens über die lange Distanz zur Uni, für die meine Gastmutter aber nichts kann. Ich bin hier relativ uneingeschränkt, kann praktisch kommen und gehen, wann ich will (wenn ich nur vorher bescheid sage, falls es spät wird) und insbesondere das Essen ist sehr gut. Manche Gastfamilien bestehen darauf, gemeinsam zu frühstücken, aber meine Gastmutter schläft noch, wenn ich aus dem Haus muss und daher kann ich mir einfach schnell selbst etwas nehmen, wenn ich frühstücken will/kann. Das finde ich auch viel besser so. Abends gegen 19:30 gibt es dann immer irgendwelche japanischen Gerichte und manchmal auch Pasta oder so. Es schmeckt immer gut.

Der Franzose, der auch hier wohnt, ist nett, aber etwas drollig, denn dass er verheiratet ist, hält ihn nicht davon ab meiner Gastmutter und mir immer wieder die dollsten Komplimente zu machen und sich ein bisschen wie der Hahn im Korb zu verhalten. Naja, wir kommen gut miteinander aus und wenn er da ist, gibt es wenigstens einen, der beim Abendessen Gespräche anfängt und viel erzählt, auch wenn es nicht immer interessant ist. Ich selbst habe beim Essen leider nie viel zu erzählen, außer wenn ich mal eine Frage an meine Gastmutter habe. Ich will sie nicht mit meinen Alltagserlebnissen langweilen.

Jedenfalls sehe ich meinem Umzug zu Tamagawa-san inzwischen mit mehr Enthusiasmus entgegen. Hoffen wir, dass ich gut mit ihr auskomme und in keine Fettnäpfchen trete...

Auf bald
Eure Johanna

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