Freitag, 21. August 2009

Mein letztes Abenteuer in Japan

Und da bin ich nochmal! :-)

Sooooo... hier kommt der Bericht über meine letzten ca. 5 Wochen in Japan - die hatten es noch einmal richtig in sich, kann ich euch sagen!

Zunächst wäre die Fahrt nach Shikoku mit Lindsey und ihrer Gastfamilie plus John und Christine zu nennen. Shikoku (auf nachfolgender Japankarte rosa markiert) ist eine der vier großen Hauptinseln Japans, über eine Brücke mit Honshu verbunden und von Osaka aus gar nicht mal so weit entfernt:
(http://www.discover-japan.info/pics/shikoku.gif)

Lindseys Gastfamilie hat dort eine Art Wochenendhaus direkt am Strand, wo wir ein unvergessliches und äußerst entspannendes Wochenende verbrachten: Endlich mal nichts tun! Das heißt: Irgendetwas tut man ja schon. Karten Spielen, Schwimmen, Sonnen, Essen, Trinken, lustig Sein! Und: den Sonnenuntergang Bewundern...


Der Morgen des nächsten genauso wundervollen und noch sonnigeren Tages:

Ich spürte die Auswirkungen der Sonne an meiner Müdigkeit, deshalb war ich an diesem Tag nicht so viel draußen oder im Wasser. Immerhin hatten Lindsey, John und Christine noch ihren Spaß, der jedoch in Christines Fall in einem heftigen Sonnenbrand inklusive Blasen endete (ich erspare euch die Fotos davon!).Weiter im Programm. Die letzten Klausuren wurden geschrieben, Referate gehalten... den Aufsatz hatte ich erst vor lauter Stress und Ahnungslosigkeit über das, was ich da reinschreiben könnte, aufgegeben und dann aber auf die nette Ermunterung von Seiten des Dozenten hin in sehr abgespeckter Version doch noch geschrieben, worüber er sich wohl gefreut hat.

Dann kam die Abschlusszeremonie des Austauschjahres an der Uni. Unsere Dozenten, Gastfamilien und Freunde waren da und wir, die Austauschstudenten, wurden in Gruppen nach vorne gerufen und durften erstmal jeder eine kleine Rede halten. Die erste Hälfte hielt sich gut, aber fast die ganze zweite Hälfte der RednerInnen brach jeweils während der eigenen Rede in Tränen aus, denn wenn erstmal einer angefangen hat, liegt das irgendwie in der Luft... Ich hatte den Eindruck, dass ich selbst diese "Lawine" ein bisschen losgetreten habe. Ich wurde einige Danksagungen an das Internationale Zentrum, die Dozenten, meine japanischen und ausländischen Freunde, aber auch an meine Gastfamilien los und konnte nicht ganz meine Tränen unterdrücken, als ich mich für die Freundlichkeit und das Entgegenkommen mir gegenüber auch in Zeiten, in denen ich etwas "schwierig" (weil genervt) war, bedankte. Geheult wie ein Schlosshund habe ich nicht, aber gestockt habe ich und gerührt war ich auch definitiv. Und so haben dann fast alle nach mir in ihrer Rede losgeheult. Dann wurden uns unsere Graduierungsurkunden überreicht und es gab Ansprachen von unseren Japanischlehrern, die sich bemühten über jeden Einzelnen von uns etwas zu sagen - beeindruckend! Das fiel teilweise dann nicht ganz so schmeichelhaft aus, wie man es von Japanern erwarten würde: Über eine koreanische Kommilitonin von mir hieß es, sie wäre ja nicht allzu oft im Unterricht gewesen, denn sie hätte eben die "außerschulische" Seite, sprich: die durchzechten Nächte, anscheinend doch sehr genossen (was sie auch hat, und nicht nur sie)... um nur ein Beispiel zu nennen. Aber alles natürlich locker-flockig und in einem gar nicht vorwurfsvollen Ton. Jaja- so nett war man zu uns!

Leider habe ich von der ziemlich langen aber durchaus unterhaltsamen Zeremonie keine Fotos gemacht, dafür aber bei der Abschlussparty im Park später am Tag. Das war nochmal ein sehr schönes Beisammensein mit tollen Gesprächen aber auch einem Hauch melancholischer und schon halb-nostalgischer Abschiedsstimmung. Viele von uns sind später am Abend noch in die Stadt gefahren und haben zusammen durchgefeiert, aber da es nach wie vor nicht mein "Ding" ist mich die ganze Nacht irgendwo zu besaufen und ich sowieso schon an Kopfschmerzen litt, habe ich mich da abgeseilt. Angesichts des Ausgangs dieser Party, von dem mir hinterher mitsamt der Abstürze und der Dramen berichtet wurde, war ich mal wieder in meiner Meinung bestätigt. Aber hier die Bilder von der sehr schönen Feier im Park:


Und an diesem Abend sollte dann auch das Abenteuer beginnen, in das ich die letzten Wochen in Japan verstrickt war. Denn ich merkte am Abend nach der Feier, dass ich mein Portemonnaie nicht mehr finden konnte.
Hatte ich es im Park verloren? Oder woanders?
Ist es mir vielleicht sogar gestohlen worden?
Ich hatte keine Ahnung, was damit passiert war - meine gute Freundin Julia, die für mich dann extra noch einmal in den Park ging, fand es auch nicht. Klar war, dass nicht nur die darin enthaltenen umgerechnet ca. 100 Euro futsch waren, sondern auch Sachen wie mein japanischer Ausweis, die japanische Bankkarte und - fatalerweise - meine deutsche Kreditkarte, mit der ich in Japan die ganze Zeit mein Geld bezogen hatte. Die ließ ich sperren und rief außerdem meine Mutter an, die mir aber leider nicht wirklich helfen konnte, denn bis eine Ersatzkarte bei mir angekommen wäre, wäre ich schon fast wieder in Deutschland gewesen. Meine Gastmutter begleitete mich zur Polizeistation, wo wir die verschwundenen Dokumente meldeten.

Ich hatte noch eine Hokkaido-Reise, für die ich schon Flüge gebucht und bezahlt hatte, und ein paar weitere Tage in der Region Osaka vor mir, die auch Hotelübernachtungen erforderten, da meine Gastmutter zu dem Zeitpunkt selbst auf Reisen ging und mich nicht für den Rest der Zeit allein in ihrer Wohnung wohnen lassen konnte.

Ich kam also nicht mehr an mein Geld heran - nur noch an die kleinen Bestände, die auf meinem japanischen Konto waren und die ich glücklicherweise am Schalter auch ohne die Automatenkarte abheben konnte. Die rettende Idee kam von Christine: Sie überließ mir ihre Kreditkarte und die dazugehörigen Daten, so dass ich per Online-Banking etwas auf ihr Konto überweisen und es dann in Japan abheben konnte. Puh - so weit so gut!

Ich flog am selben Tag nach Hokkaido wie Christine, Lindsey, John, Andrea und noch weitere Freunde in ihre jeweiligen Heimaten. Am Flughafen gab es emotionale Abschiede, bevor ich mich allein in mein Flugzeug der All Nippon Airline setzte. Meine erste Station hieß Sapporo... genau - wie das Bier. Sapporo ist die Hauptstadt und mit fast 2 Millionen Einwohnern auch die größte Stadt von Hokkaido, die nördlichste der vier Hauptinseln Japans.
(http://www.discover-japan.info/pics/hokkaido.gif)

Nun hatte ich leider im Voraus keine günstigen Übernachtungsmöglichkeiten gefunden, denn die Hostels schienen ausgebucht und auch vor Ort wollte sich kein Bett in der entsprechenden Preiskategorie finden. Daher habe ich es ohne Bett versucht: Die erste Nacht verbrachte ich in einer Karaoke-Box, also einem kleinen Raum mit Polsterbänken, einem Tisch und einer Karaoke-Maschine in einem mehrstöckigen Gebäude voller solcher Karaoke-Räume. Privatsphäre war gewissermaßen schon vorhanden, denn ich hatte den Raum für mich allein, nur leider hatte ich nicht wirklich meine Ruhe, weil ich die laute Musik aus den Nachbarräumen hören konnte und die Tür einen Glaseinsatz hatte. Außerdem lief die Klimaanlage auf Hochtouren und es war kalt. Dafür waren diese 8 Stunden günstiger als jede Nacht in einem Hostelbett und ich konnte endlich das Gepäck, das ich die ganze Zeit mit herumgeschleppt hatte, ablegen.

Unausgeruht machte ich mich dann am nächsten Morgen wieder auf. Ich beschloss, mein Gepäck am Bahnhof einzuschließen, auch wenn ich fand, dass das übertrieben teuer war, und die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten weiter zu erkunden, ein bisschen zu shoppen usw. Das Wetter hatte anscheinend andere Pläne mit mir: Es regnete stark und fast pausenlos, Beine und v.a. Füße waren trotz notdürftig dort gekauften Schirms wie als wenn ich durch einen Fluss gewatet wäre und tatsächlich glichen manche Straßen einem flachen Flussbett. Ich flüchtete mich zwischenzeitlich in eine unterirdische Einkaufspassage und kaufte ein recht teures japanisches Yukata-Gewand, denn ich wollte noch eins haben für das Gion Festival in Kyoto, wo ich vorhatte mit einer Freundin nach der Hokkaido-Reise hinzugehen. Die nette Verkäuferin im Yukata-Laden störte sich netterweise nicht sichtlich an meinem doch etwas durchnässten Zustand...

Bei meinem Stadtbummel habe ich auch etwas Lustiges entdeckt: Ein regionales Jobmagazin namens "Arbeit", was als Lehnwort im Japanischen existiert und soviel heißt wie Nebenjob, Studentenjob, Minijob.Für die nächste Übernachtung fand ich eine praktische Lösung: Statt wie geplant am nächsten Tag mit dem Zug Richtung Osten nach Kushiro zu fahren, fuhr ich dorthin in einem Nachtbus, wodurch ich nicht nur Übernachtungskosten sparte, sondern auch Zeit und Fahrtkosten, denn der Bus war günstiger als Bummelzüge.

Ich kam frühmorgens im kleinen Küstenstädtchen Kushiro an und vertrieb mir erstmal die Zeit bis wieder Läden aufmachten und Züge fuhren, indem ich etwas ziellos herumlief und Fotos machte.
Am Geldautomaten der dortigen Postfiliale machte ich dann eine erschreckende Entdeckung: Ich konnte mit Christines Kreditkarte kein Geld mehr abheben. Das war mir mit meiner vorherigen Karte von gleicher Sorte nie passiert und ich wusste nicht, was der Grund sein könnte. Zum Glück hatte ich noch genug Bares für die im Voraus gebuchten 2 Nächte in der Jugendherberge im Kushiro Shitsugen Nationalpark, wo ich dann mit einem besonders langsamen Zug, von wo aus man den Nationalpark und die Tiere darin besonders gut beobachten kann, hinfuhr. Ich hoffte, dass es sich bei den Kreditkartenschwierigkeiten um eine Art Wochenlimit handelte und dass ich bis zur Freigabe bloß ein paar Tage warten muss.

In der Jugendherberge traf ich dann zwei nette Mädels aus Adelaide, South Australia, mit denen ich am frühen Abend noch etwas spazieren ging zu einer Aussichtsplattform. Danach gingen die beiden essen. Ich hatte mir in Kushiro noch eine Notration gekauft, da ich nicht wusste, wann ich wieder an Geld komme und ob ich es überhaupt bis nach Osaka zurück schaffen werde. Daher fiel dann am nächsten Tag auch jegliche Aktion, die etwas gekostet hätte, flach: Eigentlich hatte ich vor, eine Kanutour mitzumachen oder mir ein Fahrrad zu mieten. Stattdessen ging ich zu Fuß zum örtlichen Naturkundemuseum und einigen Aussichtspunkten. Auf einer einsamen staubigen Straße zu einer etwas entfernteren Aussichtsplattform traf ich einen einheimischen Fotografen, den ich kurz zuvor schon am Museum kennengelernt hatte, und der nahm mich dann freundlicherweise im Auto mit zu einer Attraktion noch ein paar Kilometer weiter. Er fährt jeden Tag zu den Aussichtspunkten um gute Fotos für Broschüren etc zu machen und dieser Tag war wohl ein ganz guter für eine solche Unternehmung. Ich erfuhr von ihm dabei noch viel über die dortige Flora und Fauna.

Wie man auf den Bildern erkennen kann, besteht der Kushiro Shitsugen Nationalpark aus flachem Sumpfland, also nicht aus hohen Bergen, wie man sich vielleicht vorstellen würde. Was man auch (zumindest auf den ersten Bildern) erkennt, ist, dass ich einen Pullover mit mir herumtrage. Pullover? Ja, denn während es in Osaka täglich über 30° und ziemlich schwül war, herrschten hier oben im Norden ganz andere klimatische Verhältnisse und ich ärgerte mich ein wenig, dass ich nur einen Pullover mitgenommen hatte, denn den musste ich dann jeden Tag tragen... Und, als wäre das jetzt nicht voraussehbar gewesen, bekam ich an jenem Tag im Nationalpark eine kräftige Erkältung zu spüren, die ich wohl in Sapporo entwickelt hatte. Doch ich trug brav mein Halstuch und überanstrengte mich nicht allzu sehr, so dass es noch ging. Ich war etwas übervorsichtig und hatte zwei T-Shirts übereinander angezogen, als ich vormittags aus dem Haus ging - das eine habe ich dann irgendwann, wie den Pullover, in meiner Tasche verstaut.

Nach der zweiten Nacht in der Herberge fuhr ich dann zurück nach Kushiro und von dort aus nach Asahikawa, einer größeren Stadt so ziemlich im Zentrum Hokkaidos, und zwar aus Kostengründen wieder mit dem Bus. Dieser war überraschend leer - während der ganzen langen Fahrt gab es höchstens vier oder fünf andere Personen, die einstiegen, obwohl es ein richtiger großer Reisebus war. Es war regnerisch und ich fühlte mich während der Busfahrt gar nicht wohl; die Erkältung war schlimmer geworden und ich hatte ziemliche Kopfschmerzen und fühlte mich schwach. Ich nahm dann Paracetamol aus meiner kleinen Reiseapotheke, obwohl ich meinen Körper normalerweise eine Erkältung oder Kopfschmerzen ohne Hilfe bekämpfen lasse.

In Asahikawa angekommen war ich dann äußerst gespannt, ob ich mit der Kreditkarte wieder etwas abheben konnte. Aber es ging natürlich nicht. Ich versuchte immer kleinere Beträge und schaffte es schließlich dem Automaten wenigstens ein kleines Sümmchen zu entlocken. Vorübergehend in finanzieller Sicherheit fuhr ich das letzte kleine Stück von Asahikawa bis Furano mit dem Zug. Furano, am Daisetsuzan Nationalpark gelegen, ist berühmt für seine Lavendelfelder und landwirtschaftliche Produkte; es ist also eine ziemlich untypische Landschaft für Japan. In meinem Reiseratgeberbuch stand sogar, dass man sich eher wie im ländlichen Frankreich vorkommt als wie in Japan. Nun, ich war wohl noch nicht oft genug im ländlichen Frankreich um das unterschreiben zu können. Jedenfalls zog ich in die dortige sehr hübsche Jugendherberge, in der es zu meiner Freude kostenloses Abendessen und Frühstück gab. Sowas findet man selten! Vor dem Abendessen erkundete ich nochmal ein bisschen die nähere Umgebung.
Bei bzw nach dem Abendessen machte ich mit einer sehr netten französischen Familie Bekanntschaft, die mich an deren Tisch zum Plaudern und dann auch noch zu gemeinsamen Unternehmungen, die für den nächsten Tag geplant waren, einluden. Es war eine tolle Erfahrung so lockere und offene Menschen zu treffen. Der Vater hieß Jerome, die Mutter Armelle und der ca. 10jährige Sohn hieß Guillaume. Eigentlich wohnten sie in Tokyo, weil Jerome dort arbeitete und er konnte dementsprechend auch sehr gut auf japanisch kommunizieren. Wir sprachen allerdings hauptsächlich englisch und ich ließ ein paar Französischversuche einfließen - noch mehr am nächsten Tag bei der tollen gemeinsamen Bergwanderung. Armelle spricht überraschend gut deutsch und so gab es einen bunten Mix aus Englisch, Französisch, Japanisch und Deutsch, der meinen Kopf teilweise ganz schön durcheinander brachte! Denn wenn ich etwas auf französisch sagen wollte, fielen mir nur japanische Wörter ein, obwohl ich es so lange in der Schule gelernt hatte. Es war ein so spannender und schöner Tag! Wir sind nach unserer Bergtour auch noch etwas durch die Landschaft gefahren und woanders herumgelaufen - am darauf folgenden Tag auch. Aber genug Text - kommen wir zu den Bildern!
Am Ende wurde ich auch noch zum Essen eingeladen......und zu meinem nächsten Hostel gebracht. Sie wussten nichts von meinen Kreditkartenproblemen, waren aber dennoch ungeheuer großherzig und offen. Armelle sagte mir, dass ich ihnen nicht zu danken bräuchte, denn wenn ich später an ihrer Stelle stehe, könne ich ihren Kindern oder anderen jüngeren allein reisenden Menschen dieselbe Herzlichkeit entgegenbringen, wie sie mir. Ich versprach es.

Ohne sie hätte ich wohl gar nichts mehr machen können, denn mein Bargeld ging jetzt endgültig zu Ende. Ich flog am nächsten Morgen vom Flughafen Asahikawa nach Tokyo, von wo aus ich eigentlich mit dem Schnellzug Shinkansen nach Osaka zurück fahren wollte. Mein Bargeld war alle; meine letzte Chance war mein japanisches Konto, auf dem noch Restbestände waren, die ich am Schalter in Tokyo abhob. Die reichten dann gerade eben noch für den Nachtbus nach Osaka, glücklicherweise. Ich wusste, wenn ich erstmal dort bin, kann ich bestimmt Unterstützung in irgendeiner Form bekommen - von der Uni, von Freunden. Ich musste auf den Nachtbus allerdings praktisch den ganzen Tag warten. Nach einem Jahr wieder nach Tokyo zu kommen war zwar eine schöne Erfahrung und es kamen angenehme Erinnerungen bei mir auf an jenen letzten Sommer, aber ich konnte ohne Geld nirgendwo hin gehen. Umso schöner war es, dass Tatsuya, mit dem ich letzten Sommer in Tokyo vieles unternommen hatte, die Zeit fand, zum Bahnhof zu kommen und mir noch etwas Gesellschaft zu leisten. Ich hatte ihn lange nicht gesehen und freute mich sehr, dass ich ihn noch einmal treffen konnte!

Ich fuhr also im Nachtbus zurück nach Osaka. Meine letzten paar Yen gingen für die kurze Strecke vom Osaka Bahnhof zur Uni drauf. Dann hatte ich wirklich nichts mehr. Ich erklärte dem Internationalen Zentrum meine Situation und wir dachten über Lösungen nach. Schließlich drückte mir der Leiter Geld in die Hand, sozusagen als private Leihgabe "weil Sie es sind" und mit der inständigen Bitte es nicht weiter zu sagen.

Ich hatte ein paar Tage zuvor von Hokkaido aus Christine per Mail gefragt, was ich gegen das Problem tun kann und sie vermutete, dass das Kreditkartenkonto leer ist. Ich hatte zwar vorher genau die gleiche Kreditkarte wie die, die Christine mir überlassen hat, musste aber nie irgendwelche Überweisungen zwischen Kreditkartenkonto und normalem Konto tätigen, um an Geld zu kommen. Das Problem war auch, dass es in Hokkaido mit dem Internet etwas rar aussah. Aber ich versuchte, was sie vorschlug und machte einen Transfer, der allerdings ein paar Tage dauern sollte.

Und siehe da: Am Tag, als ich nach Osaka zurückkam und nachdem ich mir dort Geld geborgt hatte, konnte ich dann wieder Geld abheben, als ob nichts gewesen wäre. Mir fiel ein richtiger Stein vom Herzen! Im Nachhinein komme ich mir ganz schön blöd vor, dass ich nicht früher dahinter gekommen war. Andererseits hätte ich wohl sonst vielleicht so manche schönen Erlebnisse und Begegnungen nicht gehabt und bin deshalb zufrieden mit dem Ausgang. Die Erkältung war zu dem Zeitpunkt auch wieder ganz gut auskuriert.

Aus dem Gion Festival ist doch nichts mehr geworden. Die Freundin, mit der ich dort hin gehen wollte, musste arbeiten und die Geldfrage wurde ja bei mir auch erst im letzten Moment geklärt, so dass ich leider nicht mehr zum Festival und dazu, meinen schönen Yukata zu tragen, kam. Ich weiß aber, dass Feierlichkeiten in der Trierer Japanologie sicherlich genug Gelegenheit bieten werden.

Ich hatte mich so sehr daran gewöhnt am Minimum zu leben, dass ich mich entschloss eine weitere etwas "alternative" Übernachtungsweise auszuprobieren: im Manga- bzw. Internetcafe. Die haben nämlich in Japan immer diese Einzelkabinen mit Internet-PC und teilweise auch Fernseher und in den meisten Fällen kann man sich an den Getränken kostenlos bedienen so oft man will. Man sitzt zwar auf einem Stuhl, kann aber meistens auch Kabinen mieten, die einen gepolsterten Boden haben, so dass man sich da hinlegen kann. Für Leute wie mich gibt es die sog. Night-Packs, d.h. so 8-10 Nachtstunden zum vergünstigten Preis. Das habe ich dann 3x hintereinander (an drei verschiedenen Orten) gemacht und, wie man sich vorstellen kann, nicht besonders gut geschlafen, aber wenigstens für wenig Geld. Und ich schaute mir noch mal eine schöne Ecke von Kyoto an: den Bambuswald und die Tempel von Arashiyama.

Auf diesem Ausflug traf ich zufällig zwei Freunde von mir: Hiromi und Saori, die ich beide in Trier kennen gelernt hatte, als sie noch als Austauschstudenten da waren. Hiromi hatte ich auch in Japan ein paar Male wieder getroffen; er war derjenige, der mich im September vom Kyoto Hauptbahnhof abgeholt und zu meiner ersten Gastfamilie begleitet hatte, bevor das Semester begann. Aber kaum hatten wir zusammen ein Eis gegessen, schon regnete es in Strömen los. Wir standen eine lange Weile unter dem schmalen Dach der Verkaufsbude, aber sobald es nachgelassen hatte, ergriffen wir die Chance, verabschiedeten uns und gingen unserer Wege.


Am nächsten Morgen war ich mit Frau Teramura verabredet: Sie war meine erste Gastmutter gewesen, bei der ich von September bis Februar in Kyoto gewohnt hatte. Wir hatten uns bei der Abschiedszeremonie wieder getroffen und sie hatte mich erneut in das Haus ihres Mannes in der Nachbarpräfektur von Kyoto, Shiga, eingeladen, denn während ich noch bei ihr gewohnt hatte, ist es nie zu solch einer Besichtigung gekommen. Ich fuhr also zunächst zu meinem früheren vertrauten Heim in Süd-Kyoto und von dort aus nahmen mich die Teramuras im Auto mit nach Shiga an den Biwa-See. Erster Halt war das nach dem See benannte Museum u.a. mit Aquarium, Nachbildungen von mehr oder weniger urzeitlichen Tieren und viel Erfahrenswertem darüber, wie die Menschen in der Region früher so gelebt haben.


Das Haus war schön und hatte sogar einen Garten. So etwas kann man sich in ländlichen Gebieten anscheinend sogar in Japan leisten... Obwohl ich dazu sagen muss, dass die Familie Teramura auch nicht gerade arm ist. Ich war ziemlich müde - hatte immerhin drei Nächte lang in Internetcafes verbracht - und konnte mich bei den Teramuras dann aber wunderbar ausruhen. Sie haben sich toll um mich gekümmert. Am nächsten Morgen mussten zwar der Sohn zur Schule und der Mann zur Arbeit, aber mit Frau Teramura habe ich dann noch die Burg Hikone besichtigt und wir sind eine Menge Treppen gestiegen. Leider habe ich es in dieser Zeit versäumt Bilder zu machen, aber vom Schloss habe ich hier eins im Internet herausgesucht:

(http://www.panoramio.com/photo/7213079)

Auf diesem Ausflug bekam sie dann irgendwie aus mir heraus, wo ich in letzter Zeit übernachtet hatte. Sie dachte, ich wäre noch bei meiner aktuelleren Gastmutter, Frau Tamagawa. Aber als sie das mit den Internetcafes erfuhr, war sie ganz schön geschockt. Das wäre doch viel zu gefährlich, meinte sie, und dass ich doch bei ihr in Kyoto übernachten könne. Es waren sowieso nur noch drei Nächte übrig bis zu meinem Rückflug nach Deutschland. Ob sie denn überhaupt Platz für mich hätte, fragte ich. Denn sie hatte gerade zwei Gaststudenten aus Holland da, über die sie auch nicht müde wurde sich zu beschweren. Die würden ihr ja nie mal zur Hand gehen und so unkommunikativ sein. Aber natürlich könne ich im letzten verbleibenden freien Zimmer bleiben. Ich habe mich tierisch gefreut, weil sie wirklich nett ist und ich mich gern daran zurückerinnere, wie es war, als ich noch dort wohnte, denn bis auf den langen Weg zur Uni und eine leichte Paranoia bei Frau Teramura war das ein sehr gutes Zuhause!

Also blieb ich die nächsten drei Nächte bei Frau Teramura in Kyoto. Ich fuhr tagsüber zur Uni, um noch ein letztes Mal bei einer Probe des A-Cappella-Kreises dabei zu sein, ein paar Freunde ein letztes Mal zu treffen und Sachen zu holen, die ich an der Uni gelagert hatte. Am vorletzten Abend bin ich mit ein paar der vorher schonmal erwähnten "buddy students" einen trinken gegangen:

Der letzte Abend war dann für ein Abendessen mit Frau Teramura und den zwei Holländern reserviert. Am nächsten Morgen brach ich sehr früh zum Flughafenbus auf.


Das war ein guter Abschluss eines guten Jahres. Es gab Höhen und Tiefen (wie immer eigentlich) und ich denke, ich habe mich ganz gut durchgewurschtelt. Japan, ich werde dich vermissen!
Ich komme wieder :-)

Das nächste Abenteuer - wo, wann und wie es auch immer kommen mag - kann beginnen!

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Hi, Johanna! Ich danke dir für diese tierisch interessante Erzählungen! Diesen Herbst fange ich mit meinem Japanologiestudium in Deutschland an und vielleicht nach 2-3 Jahre werde ich auch solche Abenteuer haben. Mir gefällt, wie mutig du bist, und dass in kritischen Situation du nicht in Panik gerätst. Entschuldige mein nicht so gutes Deutsch ^^ Ich wünsche dir viel Erfolg!