Ich schreibe euch mal wieder aus Tôkyô, wo ich die letzte Station mache, bevor es morgen in die Region Japans geht, die als "Kansai" bekannt ist und wo ich meine zwei Auslandssemester absolvieren werde. Eine Woche war ich nun hier in Tôkyô um noch ein bisschen Zeit mit meinen während der Summer Session gewonnenen Freunden zu verbringen. Heute habe ich Yukiko, eine Germanistikstudentin, mit der ich mich in Trier während ihres Auslandssemesters angefreundet habe, in Yokohama getroffen.
Ja, bald geht das Semester richtig los; der Termin meiner Ankunft in Kyôto (wo meine Gastfamilie wohnt) steht fest und ich werde sogar am Bahnhof Kyôto von einem Menschen vom Unipersonal abgeholt, damit ich mich auf dem Weg zu meinem neuen temporären Zuhause nicht verlaufe... ;D Ich bin schon sehr gespannt auf meine Gastfamilie. Mit der Gastmutter habe ich seit kurzer Zeit E-Mail-Kontakt. Sie heißt Yûko Teramura und hat einen 10-jährigen zweisprachigen Sohn (Japanisch+Englisch). Ihr Mann arbeitet im internationalen Zentrum einer etwas weiter entfernten Universität; sie selbst ist ein "Master of Economics" und arbeitet zur Zeit, wie ich mit Staunen erfahren durfte, auf die Qualifikation "Steuerberaterin" hin. Ich bin beeindruckt, dass sie die Zeit findet...
Bei der Familie wohnen noch zwei andere Gäste: eine Austauschstudentin aus Taiwan und ab Oktober bis Weihnachten ein "Beamter des französischen Verteidigungsministeriums" - was auch immer das heißen mag. Für mich vielleicht, dass ich Gelegenheit haben werde mein zentimeterdick eingestaubtes Französisch auszugraben. Die Gastmutter hat mir schon gleich in ihrer ersten Mail geschrieben, dass die taiwanesische Studentin ihr die ganze Zeit schon gehörig auf die Nerven geht... Sie sei unordentlich, hielte sich nicht an Vereinbarungen und versuche ständig penetrant die Familie von ihrer veganen Lebensweise zu überzeugen. Es klang schon nachvollziehbar, was Frau Teramura schrieb, aber ich habe eine leise Vorahnung, dass sie relativ streng ist und ich hoffe, das wird nicht zum Problem für mich.
Aber was hilft es, sich vorher schon verrückt zu machen - ich werde sie ja in einer Woche persönlich kennenlernen. Gehen wir lieber weiter in der Rekapitulation meiner bisherigen Reise:
Von Hirosaki aus bin ich also, nachdem ich meinen Hokkaidô-Trip erstmal verschoben hatte, wieder gen Süden gefahren. Meine nächste Station hieß Tôno, ein kleiner Ort in einem malerischen Tal, der v.a. für seine Sagen bekannt ist. Dennoch kann man offenbar nicht von allen Japanern erwarten, von diesem Ort schon mal gehört zu haben - so bekannt ist er dann doch wieder nicht. Er ist ja auch wirklich klein. Es gibt zwar Busse dort (immerhin), aber da der letzte bereits gegen 17 Uhr fährt - um diese Zeit schließen die Museen und so-, musste ich vom Bahnhof aus mit dem Taxi zum Hostel fahren, das außerhalb der Ortschaft liegt. An der Jugendherberge angekommen, wurde ich von diesen kleinen Kerlchen begrüßt, die an den Außenwänden des Hostels neben dem Eingang saßen:
Später am Abend gab es noch Kaffee/Tee und Kuchen bei einem netten Plausch mit fast allen im Hostel Anwesenden (wir passten um einen kleinen Tisch...) und anschließend erzählte der Hostelbesitzer was über die Gegend und über die Sehenswürdigkeiten dort. Ich war die einzige Nicht-Japanerin und daher natürlich irgendwo ein Exot. (Am Tag darauf war ich dann auch noch der einzige weibliche Gast, ohje... ;)) Die Atmosphäre war gut, es war gemütlich und friedlich. Nur in manchen Momenten fühlte ich mich ein bisschen eingeengt, wenn ich mal wieder das Zentrum aller Aufmerksamkeit war - wie schon gesagt, ich war der Exot.
Am nächsten Morgen lieh ich mir eins der Fahrräder vom Hostel und fuhr erstmal zurück in den Ort, um... ins Internet zu gehen. Scheibenkleister, ich bin so abhängig von diesem Mist. Aber ich konnte mich tatsächlich noch am selben Tag wieder davon lösen und habe dann doch noch Einiges gesehen und bin viel geradelt.
Dem Schrein auf den folgenden zwei Bildern wird nachgesagt, dass er Frauen eine gesunde Geburt verspricht, wenn sie mit der linken Hand eins dieser roten Bänder an die Bäume am Schrein binden. Eine andere Version ist, dass man damit bald den Partner für's Leben findet.
Aber obwohl dies mitten im Wald liegt, heißt das nicht, dass japanische Bustouristen auf Pauschalreise es nicht finden würden...
...und die Hauptattraktion natürlich umso mehr:
Die Zweige können laufen! (Aber für's Foto im Makromodus hielt dieser hier schön still.)
Es hat definitiv Spaß gemacht und war, wie gesagt, recht abenteuerlich, aber ich bezahlte für das viele krumme Gehen und die Kopfverdrehungen mit einer heftigen Genickstarre, die sich auf dem Rückweg vom Wasserfall zum Höhlenausgang bemerkbar machte noch den ganzen darauf folgenden Tag anhielt... Es war wirklich schmerzhaft; ich konnte kaum den Kopf drehen, bloß nach unten Schauen ging noch gut. Obendrein hatte ich mir in einem unachtsamen Moment den Rücken in der Höhle gestoßen, so dass auch der wehtat. Der Helm stellte sich als absolute Notwendigkeit heraus - ich will gar nicht wissen, wie oft ich mit dem Kopf an den Fels gestoßen bin. Mein Nacken wurde draußen und nachher im Hostel nochmal mit einem kühlenden Minzgeleepflaster versorgt, ich war aber nach diesem Trip erstmal im Bett. Da der Hals dort genau so schmerzte, entschied ich mich, die Zeit besser zu nutzen und sah mir zu Fuß die etwas näher am Hostel gelegenen Attraktionen an.
Eine der sagenhaften Kreaturen aus Tônos Legenden: ein "Kappa"
Sehr schicke sportlich aussehende Vollblüter gab es dort, ich habe aber sonst nur Stallburschen und einen Hufschmied gesehen. Aber mit dieser Dosis Pferdeluft war ich dann auch zufrieden und brach am nächsten Morgen Richtung Sendai mit dem Zwischenstopp Hiraizumi auf. Hiraizumi ist im Gegensatz zu Tôno jedem hier bekannt, denn es war im 11. Jahrhundert das "politische und kulturelle Zentrum" des Fujiwara-Clans, der zu der Zeit sehr mächtig war und immer mächtiger wurde. Dieses Zentrum bestand leider gerade mal für ein Jahrhundert und der Großteil der einstigen prächtigen Gedbäude ist niedergebrannt worden.
Ich bin am selben Tag noch gemütlich nach Sendai gekommen und nahm mir dort den ganzen nächsten Tag Zeit um das sehr schicke Mausoleum des Stadtgründers Masamune Date zu sehen. Bilder davon gibt es das nächste Mal!
Nach Sendai gibt es nicht mehr so viel Spektakuläres zu berichten. Nach Tôkyô zurück zu kommen fühlte sich fast wie eine Heimkehr an und ich habe hier ein bisschen Ruhe in gewohnter Umgebung gehabt, habe aber auch was unternommen. Zum Beispiel habe ich die original japanischen Beatles in Roppongi spielen hören und war für teures Geld in einem Kino in Shibuya, in dem Essen und Trinken verboten war... *stirnrunzel*
Ich habe keine Ahnung, wie es in Nara - da fahre ich morgen hin - mit dem Internet steht und weiß auch nicht, ob meine Gastmutter mich ans Internet lassen wird, aber ich werde mich irgendwie schon wieder melden, keine Sorge!
Macht's gut und bis bald wieder! Haltet die Ohren steif...
eure Johanna
P.S.: Eigentlich ist dieser Eintrag vom 9.9., aber da ich ihn schon zwei Tage früher begonnen hatte, steht jetzt das frühere Datum drüber. Ich bitte um Vergebung...
2 Kommentare:
Konnichiwa Johanna,
bin noch immer begeistert von deinem Blog, du hast ja inzwischen schon wahnsinnig viel gesehen und erlebt!!!
Was macht dein Rücken inzwischen?? Hast du die roten Bänder im Schrein berührt ;)
Ganz liebe Grüße aus Trier
Lisa
Danke Lisa! Nee nee, ich bin momentan kinderlos gluecklich :D Hoffe, der Chor laeuft gut! Lieben Gruss!
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